Die Pfarrei St. Hippolytus setzt sich für ein respektvolles und friedliches Zusammenleben aller Menschen ein. Grundlage dafür sind die Menschenwürde, das christliche Menschenbild sowie Werte wie Nächstenliebe, Solidarität und gegenseitige Wertschätzung. Anlass der Stellungnahme sind ausgrenzende und menschenverachtende Aktionen im April 2026 in Gelsenkirchen-Ückendorf. Die Pfarrei spricht sich klar gegen Diskriminierung und für kulturelle Vielfalt, Begegnung und gesellschaftlichen Zusammenhalt aus.

Hier der gesamte Text der Stellungnahme:

Stellungnahme der Pfarrei St. Hippolytus zu einer Kultur des wertschätzenden Miteinanders

Wie wollen wir zusammenleben?

Die Frage „Wie wollen wir zusammenleben?“ ist keine abstrakte politische Floskel, sondern berührt den Kern unseres gesellschaftlichen Miteinanders. Die Antwort darauf gibt unser Grundgesetz sehr klar: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Satz steht am Anfang unserer Verfassung und ist Maßstab für alles staatliche und gesellschaftliche Handeln.

Er steht zugleich in einer tiefen Übereinstimmung mit dem christlichen Menschenbild. Dieses geht davon aus, dass jeder Mensch von Gott geschaffen und gewollt ist. Die Würde des Menschen gründet nicht in Leistung, Herkunft oder Lebensleistung, sondern darin, dass er als Ebenbild Gottes geschaffen ist. Jeder Mensch ist deshalb einzigartig und unverlierbar wertvoll.

Für Bürgerinnen und Bürger eines Staates, der die Menschenwürde im Grundgesetz verankert hat und zugleich in einer christlich geprägten Kultur lebt, sollte eine Haltung der Nächstenliebe, Solidarität und des Respekts selbstverständlich sein. Dies gilt unabhängig von Herkunft, Religion oder Lebensgeschichte. Besonders im Kontext von Integration ist dieser Grundsatz entscheidend: Zusammenleben kann nur gelingen, wenn die unveräußerliche Würde jedes Menschen anerkannt und geschützt wird.

Die Pfarrei St. Hippolytus mit den Stadtteilen Horst, Beckhausen, Sutum und Essen-Karnap setzt sich aktiv für ein friedliches und respektvolles Miteinander aller Kulturen und Glaubensgemeinschaften ein. In unseren Stadtteilen leben Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen zusammen. Diese Vielfalt verstehen wir als Bereicherung und als Chance für ein gelingendes Zusammenleben.

Grundlage unseres Handelns ist das christliche Menschenbild sowie der gemeinsame Wert der Menschenwürde. Jeder Mensch ist einzigartig und verdient Respekt, Anerkennung und Würde – unabhängig von Herkunft, Religion oder Lebensweise. Als Pfarrei möchten wir Räume schaffen, in denen Begegnung möglich ist, Vorurteile abgebaut werden und Vertrauen wachsen kann. Dazu gehören gemeinsame Aktivitäten, offene Gespräche und die Zusammenarbeit mit anderen Religionsgemeinschaften und Initiativen in unseren Stadtteilen.

So verstehen wir unseren Beitrag zu einer lebendigen Nachbarschaft: miteinander statt nebeneinander zu leben – im Geist von Respekt, Frieden und gegenseitiger Wertschätzung.

Vor diesem Hintergrund sind öffentliche Stimmen, die klar für Menschlichkeit und gegen jede Form von Menschenverachtung Position beziehen, von großer Bedeutung. Sie erinnern daran, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht von Abgrenzung, sondern von Verantwortung, Respekt und gelebter Nächstenliebe lebt.

Gelingende gelebte kulturelle Vielfalt fordert uns heraus, eigene und vielleicht auch eingefahrene Denkmuster zu überwinden. Sie ist eine Chance, dem Menschen, der uns gegenüber steht, kennen zu lernen und das Verbindende zu entdecken.

Leider geschieht nur allzu oft das genaue Gegenteil. Menschen werden aufgrund von Herkunft, Religion oder Lebensweise ausgegrenzt, angefeindet und respektlos behandelt.

So geschehen Anfang April 2026 in Gelsenkirchen Ückendorf. Eine kleine Menge politischer Akteure in dieser Stadt gingen mit Besen, Kehrblech und Handfeger auf Anwohner mit – sichtbaren – Migrationshintergrund dieses Stadtteils zu und forderten sie auf, „sauber“ zu machen. In despektierlicher Ansprache, willkürlichen Zuschreibungen und Werteschemata, die im krassen Gegensatz zu einem respektvollen Miteinander stehen. Fast wie nebenbei wurden dabei etablierte Präventionskonzepte und Orte der Begegnung von Stadt und kirchlichen und sozialen Trägern entwertet und diffamiert.

Im Juni 2021 bezog das in Gelsenkirchen-Ückendorf angelegte Pilotprojekt „Integrative Präventionsarbeit“ Räumlichkeiten an der Ückendorferstraße 138. Über die schon etablierte aufsuchende präventive Arbeit hinaus wurde hier eine feste Anlaufstelle für Menschen vor Ort geschaffen, um ein gelingendes  Zusammenlebens in diesem Stadtteil gemeinsam und ganzheitlich zu bewältigen. Hier hat die Stadt Gelsenkirchen mit der Polizei, dem kommunalen Ordnungsdienst, Sozialarbeitenden und Sprachmittler:innen der Caritas insbesondere auf Herausforderungen durch Zuwanderung aus Südosteuropa reagiert. 

Dieses Projekt steht stellvertretend für das Bekenntnis zu einem respektvollen, friedlichen, offenen und lösungsorientierten Miteinander in unserer Gesellschaft.

Stadtdechant Markus Pottbäcker fand zu dem Vorfall in Ückendorf klare Worte, die verdeutlichen, wie wichtig ein wertschätzendes Miteinander für unsere Gesellschaft ist. Und er benannte eine Zeit in der Geschichte unseres Landes, welche gekennzeichnet war von Ausgrenzung, Willkür, Denunziation und Hass. Eine Zeit, in der Menschen aufgrund von Herkunft, Religion, Lebensweise und Behinderung verschleppt, zusammengepfercht und getötet wurden.

Eine solche Aktion bekannter politischer Akteure wie in Ückendorf darf nicht einfach unkommentiert bleiben und demokratische Werte ad absurdum führen.

Wenn Persönlichkeiten wie Stadtdechant Markus Pottbäcker deutlich Stellung beziehen, dann ist das keine Frage einzelner Funktionen, sondern Ausdruck einer Haltung, die sowohl dem Geist des Grundgesetzes als auch dem christlichen Verständnis vom Menschen entspricht. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten oft polarisiert geführt werden, braucht es solche klaren Zeichen der Orientierung.

Dabei geht es nicht um parteipolitische Zuschreibungen, sondern um grundlegende Werte unseres Zusammenlebens: Menschenwürde, Solidarität, Nächstenliebe und Menschlichkeit. Diese Werte sind keine Option, sondern Grundlage unserer demokratischen und ethischen Ordnung.

Es ist uns wichtig, diese Haltung sichtbar zu machen und klar und unmissverständlich zu unterstützen.

Für die Pfarrei St. Hippolytus

Bernd Steinrötte, Pastor

Im Mai 2026