Text: Thomas Rünker – Bilder: Kerstin Bögeholz | Bistum Essen

„Ein Leitungsteam aus Ehren- und Hauptamtlichen führt in Essen-Karnap und Gelsenkirchen-Horst die Pfarrei St. Hippolytus. Fünf Personen teilen sich Verantwortung für Seelsorge, Finanzen, Gebäude und Ehrenamt.

Gottesdienste, soziales Engagement, Immobilienmanagement, Glaubensweitergabe oder Personalthemen – wenn in der katholischen Pfarrei St. Hippolytus in Essen-Karnap und Gelsenkirchen-Horst zentrale Fragen zu klären sind, landen diese auf dem Tisch des Pfarreileitungsteams. Solche Teams haben in den vergangenen Jahren in immer mehr Pfarreien des Bistums Essen die zuvor allein verantwortlichen Pfarrer ergänzt oder abgelöst. Doch so vielfältig wie in Hippolytus und mit so viel Verantwortung im Ehrenamt ist bislang kein anderes Leitungsteam ausgestattet: Zwei hauptberufliche Seelsorgende, zwei Ehrenamtliche und der Verwaltungsleiter der Pfarrei treffen sich mindestens zweimal im Monat, meist montagmorgens um 8 Uhr, um dann zwei Stunden lang eine straffe Agenda abzuarbeiten.

Ihre Termine legen die fünf mit einem Blick in den Kalender von Michael Henning fest, dem ehrenamtlichen stellvertretenden Vorsitzenden des Kirchenvorstands. Weil der Jurist hauptberuflich in der Verwaltung des Düsseldorfer Flughafens arbeitet – und damit als einziges Leitungsteam-Mitglied nicht in St. Hippolytus – gibt er die Termine vor. Und die liegen meist am frühen Vormittag. Damit hat der Ruheständler Berthold Hiegemann, der zweite Ehrenamtliche in der Runde, kein Problem. Und die Gemeindereferentin Barbara Strack, Pastor Bernd Steinrötter und Verwaltungsleiter Ralf Berghane wissen, dass sie ohne ihre und Hennings Flexibilität im Leitungsteam kaum zu einem festen Arbeitsrhythmus kämen.

Viel Vertrauen und ein eingespieltes Miteinander

In dieser Runde hat niemand den Hut auf, aber einer das Sagen. Bildlich gesprochen ist dies ein Kerngedanke dieses ungewöhnlichen Leitungsmodells. Ausdrücklich gibt es hier keine Vorsitzende und keinen Chef. Berthold Hiegemann ist lediglich als Sprecher das Gesicht des Leitungsteams nach außen – und nach innen sein Moderator. „Alles, was wir entscheiden, entscheiden wir im Konsens“, erläutert Hiegemann. Und wer ein Team-Mitglied frage, „bekommt immer die Meinung des ganzen Teams“.

v.l. Gemeindereferentin Barbara Strack, Pastor Bernd Steinrötter, Michael Henning (stellv. Vors. des Kirchenvorstands), Verwaltungsleiter Ralf Berghane und Berthold Hiegemann (Sprecher des Teams) Neues Leitungsteam St. Hippolytus in Gelsenkirchen am Montag, den 2. Februar 2026

Dazu gehört viel Vertrauen und ein eingespieltes Miteinander, das sich in den vergangenen gut zwei Jahren entwickelt hat. Die Idee eines Leitungsteams für St. Hippolytus hatte bereits der frühere Pfarrer Wolfgang Pingel. „Keines der damals im Bistum praktizierten Leitungsmodelle hat 1:1 auf unseren Bedarf gepasst“, berichtet Hiegemann. Deshalb habe Pingel mit den heutigen Leitungsteam-Mitgliedern ein eigenes Modell entwickelt. Ein Modell, das mit einem Priester in der Runde die kirchenrechtlichen Vorgaben erfüllt, eine gute Vernetzung in der Pfarrei sicherstellt und die mit Leitung immer verbundene Macht auf möglichst viele Schultern verteilt. Alle drei wichtigen Pfarreigremien sind im Leitungsteam vertreten: der Pfarrgemeinderat (mit Hiegemann als dessen Vorsitzendem), der Kirchenvorstand (mit Steinrötter und Henning als erstem und zweitem Vorsitzenden) und das Pastoralteam der hauptberuflichen Seelsorgenden, für das Steinrötter und Strack im Leitungsteam sprechen. Verwaltungsleiter Berghane bringt zudem den jeweils aktuellen Blick auf Zahlen, Personal und die verschiedenen Standorte der Pfarrei mit in die Beratungen ein.

Ein Sprung ins kalte Wasser

Alles war vorbereitet: Nach dem geplanten Wechsel Pingels in den Ruhestand sollte das Leitungsteam übernehmen. „Doch dann wurden wir ins kalte Wasser geworfen“, erinnert Hiegemann. Vor einem Jahr starb der beliebte Seelsorger im Alter von 74 Jahren – und das Pfarreileitungsteam musste seine Arbeit früher aufnehmen als geplant. Im vergangenen Mai wurden die fünf Mitglieder offiziell beauftragt, zunächst für drei Jahre. Und seitdem läuft es. Natürlich nicht überall rund, aber doch so, dass die Dinge in der Pfarrei vorankommen: Die Themen entstehen in den Gremien oder werden direkt ans Leitungsteam herangetragen, das Team berät – und entscheidet. In der Zusammenarbeit des Teams bringt gerade Hiegemann Know-how aus seiner Berufstätigkeit ein: Viele Jahre war er in der Führungskräfteentwicklung der RAG tätig. Professionelles Management ist ihm also ebenso vertraut wie die Arbeit in einer schrumpfenden Organisation. „Ich muss nicht alles können müssen, aber alles wissen wollen“, beschreibt er seine Rolle als Sprecher. Es sei gut, dass sie im Leitungsteam viele Themenfelder doppelt besetzt hätten, so seien sie auch dann arbeitsfähig, wenn mal jemand fehlt. In manchen Feldern gebe es aber auch eine klare Themenverantwortung: Pastor Steinrötter kümmert sich etwa federführend um die Entwicklung des Standorts Liebfrauen in Gelsenkirchen-Horst, während der in Essen-Karnap lebende Hiegemann vor allem den dortigen Standort St. Marien betreut.

Noch ist das Modell ein wenig gewöhnungsbedürftig

Für die Öffentlichkeit wie für die Kirche ist ihr Modell mit einem Sprecher und fünf gleichberechtigten Mitgliedern immer noch ein wenig gewöhnungsbedürftig. Das spürt das Leitungsteam zum Beispiel immer dann, wenn bei einem Erstkontakt automatisch Pastor Steinrötter – und nicht etwa Hiegemann – angerufen wird, weil offenbar viele dem Pastor immer noch automatisch eine gewisse Leitungsfunktion zuschreiben. Für sich selbst hat Steinrötter den Wechsel von der Position des stellvertretenden Pfarrers zu Zeiten von Wolfgang Pingel hin zum gleichberechtigten Mitglied im Leitungsteam klar. „Das ist jetzt eine neue Rolle und eine neue Aufgabe.“ Es gehe nicht mehr in erster Linie um Leitung, sondern um die inhaltliche Arbeit – zum Beispiel darum, die Seelsorge neu aufzustellen und stärker auf Ehrenamtliche zu setzen.

Hier zeigt sich in St. Hippolytus eine Haltung, die sich vom Leitungsteam bis in die einzelnen Kirchorte durchzieht: Ehrenamtlichen möglichst große Freiräume einrichten. Oder, wie es Pfarrer Pingel dem Leitungsteam ins Stammbuch geschrieben hat: „Wenn ich Leute in Verantwortung nehme, muss ich ihnen auch Verantwortung lassen.“ Jeder, der in St. Hippolytus mitarbeiten möchte, darf dort auch mitarbeiten. Wohl auch diese Offenheit hat der Pfarrei bei den Gremienwahlen im November einen vergrößerten Kirchenvorstand (von 10 auf 14 Mitglieder) und einen mit 18 Mitgliedern durchaus stattlichen Pfarrgemeinderat beschert. Kein Wunder, dass das Leitungsteam von St. Hippolytus seine guten Erfahrungen mit Freiräumen für Ehrenamtliche – auch in Leitungsfunktionen – nun auch in die Überlegungen für eine künftige Gelsenkirchener Stadtpfarrei im Rahmen des Bistums-Programms „Christlich leben. Mittendrin.“ einbringen möchte.

Ein Miteinander „auf Augenhöhe“

Die Freiräume für Ehrenamtliche haben in St. Hippolytus ganz praktische Konsequenzen, berichtet Gemeindereferentin Strack: Als sie sich letztens nicht mehr so intensiv um die ehrenamtlichen Kommunionkatechetinnen kümmern konnte wie zuvor „haben die das einfach allein gemacht“. Immer wieder fällt in St. Hippolytus der Ausdruck „auf Augenhöhe“, wenn es um das Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen geht. Das sei sein Anspruch für die Arbeit im Leitungsteam, sagt Verwaltungsleiter Berghane. Die Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“ hat das Miteinander zwischen Strack und ihren Kommunionkatechetinnen geprägt. Und Hiegemann nennt es „mein Highlight“ der vergangenen Wochen, dass ihm ein ehrenamtlicher Jugendleiter der Pfarrei gesagt habe: „Mit dir kann ich auf Augenhöhe zusammenarbeiten.“ Abgehobenheit sucht man im Leitungsteam von St. Hippolytus vergeblich.“ (tr)