Bild: Christoph Bottaru

„Unter deinen Augen – streiten wir“

Die Dornenkrone – wir kennen dieses Bild.

Sie wurde Jesus aufgesetzt, um ihn zu verspotten.

Ein Zeichen von Machtmissbrauch, Gewalt und Menschenverachtung.

Und doch ist die Dornenkrone mehr als ein historisches Folterinstrument.

Sie ist ein Spiegel.

Sie zeigt uns, wie schnell auch wir Dornen verteilen.

Nicht aus Eisen.

Nicht sichtbar.

Aber spürbar.

Dornen können Worte sein, die verletzen.

Ein abwertender Kommentar.

Ein hartnäckiges Schweigen.

Ein Vorurteil, das wir pflegen.

Ein Konflikt, den wir nicht lösen wollen.

Gott schenkt uns Gemeinschaft.

Von Anfang an ist der Mensch auf Beziehung hin geschaffen.

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.“

Wir leben von Nähe, Vertrauen, Zuwendung.

Und doch erleben wir das Gegenteil:

Spaltungen in Familien.

Streit in Gemeinden.

Fronten in unserer Gesellschaft.

Ausgrenzung von Schwächeren.

Was zerstört Gemeinschaft?

Oft nicht die großen Katastrophen –

sondern kleine, unbeachtete Dornen.

Ein wenig Neid.

Ein wenig Stolz.

Ein wenig Rechthaberei.

Ein wenig Gleichgültigkeit.

Und aus vielen kleinen Dornen

wird eine Krone.

Jesus trägt diese Krone.

Er wehrt sich nicht.

Er schlägt nicht zurück.

Er vergilt nicht mit gleicher Münze.

Er zeigt uns einen anderen Weg:

den Weg der Liebe,

den Weg der Hingabe,

den Weg der Versöhnung.

Die Fastenzeit ist keine Zeit der Selbstanklage,

sondern eine Zeit der ehrlichen Betrachtung.

Wo habe ich Dornen verteilt?

Wen habe ich verletzt – vielleicht ohne es zu merken?

Wo war ich gleichgültig gegenüber dem Leid anderer?

Und ebenso wichtig:

Wo trage ich selbst Dornen?

Wo bin ich verletzt worden?

Wo brauche ich Heilung?

Christus trägt die Dornenkrone,

damit unsere Wunden nicht das letzte Wort haben.

Damit Schuld nicht stärker ist als Gnade.

Damit Gemeinschaft wieder wachsen kann.

Versöhnung beginnt selten spektakulär.

Sie beginnt im Kleinen:

im ersten Schritt.

im ersten Gespräch.

im ersten ehrlichen Blick.

Vielleicht ist genau das unsere Aufgabe in dieser Woche:

einen Dorn weniger weiterzugeben.

ein Wort mehr des Verständnisses zu sprechen.

einen Schritt auf jemanden zuzugehen.

Denn Gottes Liebe stiftet Gemeinschaft.

Und wo wir uns von dieser Liebe berühren lassen,

verwandeln sich Dornen –

nicht sofort in Rosen,

aber in Zeichen neuer Hoffnung. Amen.