Verantwortung im Hier und Jetzt – Wege aus der Resignation
Liebe Schwester, liebe Brüder, wenn ich ganz ehrlich zu Ihnen bin, kenne ich das Gefühl der Überforderung in meiner Lebensphase nur zu gut. Zwischen den Pflichten im Beruf. Manche kennen auch die Sorge um die heranwachsenden Kinder, die Sorge um die alt werdenden Eltern und den täglichen, oft düsteren Nachrichten aus aller Welt beschleicht Sie und mich manchmal eine tiefe Müdigkeit. An manchen Tagen möchte ich einfach nur ausrufen: „Das ist doch alles nicht mehr richtig! Das ist vollkommen unfair, was hier passiert!“
Genau diesen Seufzer hören wir heute beim Propheten Ezechiel. Die Menschen seiner Zeit klagten: „Der Weg des Herrn ist nicht richtig!“ (Ez 18,25). Sie fühlten sich gefangen in den Fehlern der Vergangenheit und den Krisen ihrer Gegenwart. Sie schoben die Schuld von sich. Doch Gott lässt diese Resignation nicht gelten. Er stellt mir und uns die radikale Gegenfrage: „Sind es nicht eure Wege, die nicht richtig sind?“ Gott nimmt uns aus der Rolle der passiven Zuschauer heraus. Er sagt mir ganz direkt: Du trägst im Hier und Jetzt die Verantwortung. Du trägst Verantwortung dafür, wie du auf die Welt um dich herum reagierst. Es ist nie zu spät, den Kurs zu korrigieren.
Der Blick vor die Haustür: Das Stolperstein-Verbot
Wie bitter nötig diese Kurskorrektur ist, hat mich eine Nachricht aus dieser Woche spüren lassen. Im sächsischen Heidenau hat der Stadtrat beschlossen, die Verlegung neuer Stolpersteine im öffentlichen Raum zu verbieten. Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus soll stattdessen an den Stadtrand, auf den Friedhof, verbannt werden. Man will im Alltag beim Gehen nicht mehr gestört, nicht mehr an die dunklen Seiten unserer Geschichte erinnert werden. Ich muss Ihnen sagen: Das macht mich fassungslos. Das ist für mich ein zutiefst falscher Weg. Es ist der Versuch, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen und die Verantwortung wegzuschieben. Wenn wir das Gedenken an das Unrecht aus unserem Straßenbild verbannen, machen wir die Opfer ein zweites Mal unsichtbar.
Ezechiel würde uns heute genau hier stoppen. Er erinnert uns eindringlich: Wer die Augen vor der Ungerechtigkeit verschließt und wegsieht, verfehlt das Leben. Wer aber hinsieht, aufsteht und gerecht handelt, der rettet Leben – auch sein eigenes. Es zählt nicht, was gestern war oder was andere versäumen. Es zählt, welche Entscheidung wir heute treffen. Wir dürfen die soziale und historische Kälte nicht einfach hinnehmen.
Tatkräftige Nächstenliebe: „Warm durch die Nacht e.V.“
Dass wir dieser Kälte etwas entgegensetzen können, sehe ich zum Glück direkt vor unserer eigenen Haustür in Gelsenkirchen. Heute beginnt zum neuntenmal in unserer Pfarrei die Unterstützung für die Aktion „Warm durch die Nacht.“ Gelsenkirchen packt an. Die Menschen, die sich dort engagieren – viele von ihnen mitten im Leben, genau wie wir –, haben die Resignation überwunden. Statt über die Ungerechtigkeit der Welt oder das Versagen der Politik zu jammern, packen sie an. Sie organisieren Lebensmittel, kochen, sortieren Kleidung um bedürftigen Menschen in unserer Stadt Wärme zu bringen. Dieses Engagement geschieht auf Augenhöhe – mit Respekt, Würde und echtem Interesse am Nächsten. Sie „stolpern“ quasi bewusst über die Armut, die wir sonst so gerne übersehen, und handeln. Das zeigt mir: Ich brauche keine perfekten Umstände, um etwas zu verändern. Ich brauche nur die Bereitschaft, den ersten Schritt zu tun.
Den eigenen Weinberg bestellen
Der Prophet Ezechiel fordert mich und Sie heute auf, die Komfortzone der bloßen guten Absichten zu verlassen. Wir müssen nicht unser gesamtes Leben umkrempeln. Aber wir müssen hinsehen – sowohl in die Vergangenheit als auch in die Gegenwart.
Ich möchte nicht wegschauen, wenn Erinnerung verdrängt wird. Und ich möchte nicht wegschauen, wenn Menschen auf unseren Straßen frieren.
Lassen Sie uns die Kraft und die Möglichkeiten, die wir haben, nutzen. Sei es durch eine Spende für Warm durch die Nacht, durch das laute Wort gegen das Vergessen oder einfach durch den wachsamen Blick für den Nachbarn, der im Stillen vereinsamt. Machen wir unsere Wege richtig. Machen wir die Welt gemeinsam ein Stückchen wärmer. Amen.









